Plagiozephalie und Haltungsasymmetrie beim Baby

Plagiozephalie und Haltungsasymmetrie beim Baby

Wenn Ihr Baby den Kopf bevorzugt zu einer Seite dreht

Viele Eltern bemerken in den ersten Lebenswochen, dass ihr Baby den Kopf überwiegend zu einer Seite dreht oder dass sich der Hinterkopf einseitig abflacht. Häufig zeigt sich gleichzeitig eine bevorzugte Körperhaltung: Das Baby liegt etwas „bananenförmig“, bewegt sich zu einer Seite leichter oder nimmt eine Brust lieber als die andere.

Eine solche Asymmetrie sollte frühzeitig und sorgfältig angeschaut werden. Dabei geht es nicht nur um die Form des Kopfes, sondern vor allem um die Beweglichkeit, die motorische Entwicklung und das Wohlbefinden des Babys.

Was ist eine Plagiozephalie?

Als Plagiozephalie wird eine seitliche Abflachung des kindlichen Kopfes bezeichnet. Von oben betrachtet kann der Kopf leicht parallelogrammförmig erscheinen. Häufig steht das Ohr auf der abgeflachten Seite etwas weiter vorne. Bei stärkerer Ausprägung können auch Stirn und Gesicht asymmetrisch wirken.

Ist der gesamte Hinterkopf abgeflacht und verbreitert, spricht man von einer Brachyzephalie.

Die häufigste Form ist die lagebedingte oder positionelle Plagiozephalie. Sie entsteht durch wiederholten Druck auf dieselbe Stelle des noch weichen kindlichen Schädels. Sie ist von einer vorzeitigen Verknöcherung einer oder mehrerer Schädelnähte – der seltenen Kraniosynostose – zu unterscheiden.

Wie entsteht eine Haltungsasymmetrie?

Meist wirken mehrere Faktoren zusammen:

  • bevorzugte Blick- oder Kopfhaltung
  • eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule
  • muskulärer Schiefhals beziehungsweise Torticollis
  • wenig Abwechslung in den Wachpositionen
  • längere Aufenthalte in Babyschalen oder Wippen
  • Frühgeburtlichkeit oder Mehrlingsschwangerschaft
  • begrenzte Platzverhältnisse während der Schwangerschaft
  • individuelle motorische Entwicklung

Eltern tragen daran keine Schuld. Manche Babys bringen bereits eine deutliche Seitenpräferenz mit, andere entwickeln sie erst in den ersten Lebenswochen.

Hat die Kopfform Einfluss auf die Entwicklung?

Eine lagebedingte Plagiozephalie ist in der Regel gutartig und beeinträchtigt das Gehirn nicht. Mit zunehmender Beweglichkeit des Kindes verbessert sich die Kopfform häufig von selbst.

Studien zeigen jedoch, dass Kinder mit Plagiozephalie etwas häufiger motorische oder andere Entwicklungsauffälligkeiten zeigen. Das bedeutet nicht, dass die Schädelverformung diese Schwierigkeiten verursacht. Sie kann vielmehr ein Hinweis darauf sein, dass ein Baby in seiner Bewegungsentwicklung oder Haltungsregulation zusätzliche Unterstützung benötigt.

Deshalb betrachten wir nicht nur die Kopfform, sondern die gesamte Entwicklung des Kindes.

Was wir bei der Untersuchung beachten

Wir betrachten nicht nur die Form des Kopfes, sondern die gesamte Haltung und Bewegungsentwicklung Ihres Babys.

Dabei schauen wir unter anderem:

  • Kann das Baby den Kopf zu beiden Seiten gleich gut drehen?
  • Besteht eine bevorzugte Blick- oder Liegerichtung?
  • Zeigt sich eine Seitneigung des Kopfes?
  • Wie bewegt sich das Baby in Rücken-, Bauch- und Seitenlage?
  • Zeigt sich eine seitliche Krümmung oder bevorzugte Haltung des Rumpfes?
  • Wie symmetrisch werden Arme und Beine eingesetzt?
  • Wie entwickelt sich die Kopfkontrolle?
  • Gibt es Schwierigkeiten beim Stillen, Trinken, Tragen oder Lagern?
  • Wie ausgeprägt ist die Abflachung des Kopfes?
  • Gibt es Auffälligkeiten, die ärztlich abgeklärt werden sollten?

Standardisierte Beurteilung der Asymmetrie

Um die Ausgangssituation und Veränderungen im Verlauf nachvollziehbar zu dokumentieren, können wir zwei standardisierte Beurteilungsverfahren einsetzen.

Severity Assessment for Plagiocephaly nach Öhman

Mit diesem visuellen Beurteilungsverfahren wird die Ausprägung einer Plagiozephalie anhand verschiedener Merkmale eingeschätzt:

  • Abflachung des Hinterkopfes
  • Verschiebung der Ohren
  • Asymmetrie der Stirn
  • Seitneigung des Kopfes
  • Asymmetrie des Gesichts

Die einzelnen Merkmale werden auf einer Skala von 0 bis 3 bewertet:

  • 0: keine sichtbare Asymmetrie
  • 1: leichte Asymmetrie
  • 2: mittelgradige Asymmetrie
  • 3: ausgeprägte Asymmetrie

Das Verfahren ermöglicht eine strukturierte Beschreibung der Schädel- und Gesichtsasymmetrie und kann zur Verlaufskontrolle eingesetzt werden.

Asymmetriescore nach Philippi

Der Asymmetriescore nach Philippi richtet den Blick stärker auf die Haltung und die Bewegungsreaktionen des Babys. Beurteilt werden insbesondere:

  • die Kopfdrehung in Rückenlage
  • die Kopfdrehung in Bauchlage
  • die seitliche Rumpfkrümmung in Rückenlage
  • die seitliche Rumpfkrümmung in Bauchlage

Aus den vier Bereichen ergibt sich ein Gesamtwert zwischen 4 und 24 Punkten. Je höher der Wert, desto ausgeprägter beziehungsweise stärker fixiert zeigt sich die Haltungsasymmetrie.

Der Score wurde ursprünglich anhand standardisierter Videoaufnahmen entwickelt. Er kann dabei helfen, funktionelle Haltungs- und Bewegungsasymmetrien strukturiert zu beschreiben und Veränderungen im Verlauf nachvollziehbar zu machen.

Zwei unterschiedliche Blickwinkel

Die beiden Verfahren ergänzen sich:

Die Beurteilung nach Öhman beschreibt vor allem die sichtbare Schädel- und Gesichtsasymmetrie. Der Asymmetriescore nach Philippi erfasst stärker die funktionelle Haltungs- und Bewegungsasymmetrie des gesamten Kindes.

Die Ergebnisse werden nicht isoliert betrachtet. Sie ersetzen weder die klinische Gesamtbeurteilung noch eine notwendige kinderärztliche Diagnostik. Sie helfen uns jedoch, die Ausgangssituation differenzierter zu erfassen und Veränderungen im Verlauf besser zu erkennen.

Diese ganzheitliche Betrachtung verbindet unsere Erfahrung in Kinderphysiotherapie, Craniosacral Therapie und Eltern-Baby-Begleitung.

Wie wir Ihr Baby begleiten können

Die Behandlung richtet sich nicht nach einem festen Schema, sondern nach dem Alter, der Entwicklung und den individuellen Befunden Ihres Babys.

Je nach Situation können dazugehören:

  • Förderung der freien Kopf- und Halsbeweglichkeit
  • physiotherapeutische Behandlung bei muskulären Einschränkungen
  • Unterstützung symmetrischer Bewegungs- und Haltungsmuster
  • geeignete Anregungen für Bauch-, Seiten- und Rückenlage
  • alltagstaugliche Lagerungs-, Trage- und Handlingempfehlungen
  • sanfte craniosacrale Körperarbeit
  • Begleitung bei Unruhe oder Schwierigkeiten in der gemeinsamen Regulation
  • Verlaufskontrolle der Bewegungsentwicklung und Kopfform

Die Craniosacral Therapie verstehen wir dabei als ergänzende, körper- und beziehungsorientierte Begleitung. Eine bestimmte Veränderung der Kopfform kann nicht garantiert werden.

Physiotherapie ist besonders sinnvoll, wenn das Baby den Kopf nicht frei zu beiden Seiten drehen kann oder ein Torticollis besteht. Spezielle Lagerungskissen werden für schlafende Babys nicht empfohlen, da sich keine Kissen oder anderen Positionierungshilfen im Babybett befinden sollten.

Was Eltern zu Hause tun können

Im Alltag können Sie Ihr Baby unterstützen, indem Sie:

  • im wachen und beaufsichtigten Zustand regelmässig Bauchlage anbieten
  • interessante Reize abwechselnd von beiden Seiten anbieten
  • beim Tragen und Füttern die Seiten variieren
  • unnötig lange Zeiten in Babyschale oder Wippe vermeiden
  • Ihrem Baby auf einer geeigneten Unterlage freie Bewegung ermöglichen
  • die weniger bevorzugte Seite spielerisch und ohne Zwang in den Alltag einbeziehen

Wichtig: Zum Schlafen soll das Baby weiterhin konsequent auf dem Rücken liegen. Diese Empfehlung dient der Vorbeugung des plötzlichen Kindstodes und gilt auch bei einer Plagiozephalie. Kissen und Lagerungshilfen gehören nicht ins Babybett.

Wann ist eine ärztliche Abklärung wichtig?

Bitte lassen Sie die Kopfform kinderärztlich beurteilen, wenn:

  • die Asymmetrie bereits bei der Geburt stark ausgeprägt war
  • sie sich trotz zunehmender Beweglichkeit deutlich verstärkt
  • harte Erhebungen entlang einer Schädelnaht auffallen
  • der Kopfumfang ungewöhnlich wächst
  • Ihr Baby den Kopf kaum zu einer Seite bewegen kann
  • weitere neurologische oder entwicklungsbezogene Auffälligkeiten bestehen
  • Sie sich wegen der Entwicklung Ihres Babys Sorgen machen

Bei Verdacht auf eine Kraniosynostose ist eine frühzeitige spezialärztliche Abklärung notwendig.

Ist eine Helmtherapie notwendig?

Eine Helmtherapie ist bei einer leichten oder sich verbessernden lagebedingten Plagiozephalie normalerweise nicht erforderlich.

Bei einer ausgeprägten und anhaltenden Asymmetrie kann eine Helmtherapie nach fachärztlicher Beurteilung diskutiert werden. Der Nutzen wird in Leitlinien unterschiedlich bewertet und hängt unter anderem vom Alter des Babys, vom Schweregrad der Schädelasymmetrie und vom bisherigen Verlauf ab.

Wir beraten hierzu nicht einseitig, sondern empfehlen bei Bedarf eine kinderärztliche oder kraniofaziale Beurteilung.

Früh hinschauen – ohne Angst zu machen

Je früher eine ausgeprägte Seitenpräferenz erkannt wird, desto besser lässt sich das Baby in seiner freien und abwechslungsreichen Bewegungsentwicklung unterstützen.

Dabei behandeln wir nicht einfach eine Kopfform. Wir begleiten ein Baby mit seiner individuellen Entwicklung und beziehen die Eltern aktiv in die Behandlung ein.

Sie sind unsicher, ob die Kopf- oder Körperhaltung Ihres Babys genauer angeschaut werden sollte?

Gerne nehmen wir uns Zeit für eine differenzierte Beurteilung und zeigen Ihnen, was Sie im Alltag konkret tun können.

Termin vereinbaren: 044 869 22 00